Helfen statt Blockieren

Wissen, Leitartikel

Wie eine Blockade wirkt: vom Gesetz bis zur Familie

· Redaktion Helfen statt Blockieren

Eine Blockade beginnt mit einem Text: einem Gesetz, einer Liste, einer Anordnung. Bis sie bei einer Familie ankommt, geht sie durch Banken, Versicherer, Reedereien und Lieferanten. Dieser Leitartikel folgt dem Weg Station für Station, sagt, wen er trifft und was er kostet, und trennt, was von außen kommt und was im Land selbst hinzukommt.

Wissen in sieben Schritten: Schritte 2 und 3

„Was passiert eigentlich, wenn blockiert wird? Dann ist es ein ganzes Ökosystem, das niedergeht.“ So beschreibt Aciel Martinez Poll den Gedanken hinter dem Bereich Wissen. Der Satz beschreibt eine Kette. Keine Station darin hat die Blockade beschlossen, und doch trägt jede sie weiter.

rund 200ausländische Banken beendeten nach Angaben an die UN seit 2021 ihre Beziehungen zu KubaOHCHR, 21.11.2025
10 %US-Anteil am Warenwert genügen, damit eine Lieferung aus Europa nach Kuba eine US-Genehmigung brauchtBIS 2019, nach Kelley Drye
30 von 31quantitativen Studien finden negative Folgen im ZiellandRodríguez 2024
1.351politische Gefangene in Kuba, Stand September 2026Prisoners Defenders, 15.10.2026

Sechs Stationen

  1. Die Norm. Ein Gesetz, eine Liste oder eine Anordnung. Manche richten sich an die eigenen Bürger, andere drohen auch Firmen in Drittstaaten. Die Executive Order 14380 vom 29. Januar 2026 erlaubt den USA Zusatzzölle gegen Länder, die Kuba Öl liefern.
  2. Die Bank. Banken prüfen jede Zahlung gegen Listen. Weil Verstöße teuer sind, lehnen sie oft mehr ab, als sie müssten: BNP Paribas zahlte 2014 rund 8,9 Milliarden US-Dollar wegen Geschäften mit Sudan, Iran und Kuba. Nach Angaben an die UN-Sonderberichterstatterin haben rund 200 ausländische Banken seit 2021 ihre Beziehungen zu Kuba beendet.
  3. Versicherer und Reedereien. Ein Schiff, das zum Handel einen kubanischen Hafen anläuft, darf 180 Tage lang keinen US-Hafen zum Laden oder Löschen anlaufen. Für Reedereien, die auch die USA bedienen, wird Kuba zum teuren Umweg.
  4. Die Lieferanten. Ein Hersteller in Europa braucht für Kuba eine US-Genehmigung, sobald mehr als 10 Prozent des Warenwerts aus den USA stammen. In Iran stellte ein europäischer Hersteller den Verkauf von Spezialverbänden für Kinder mit Epidermolysis bullosa ein, obwohl sie erlaubt waren.
  5. Krankenhaus, Strom, Wasser. Was nicht bezahlt, versichert oder geliefert wird, fehlt vor Ort. Nach Angaben an die Sonderberichterstatterin sind in Kuba 69 Prozent der Medikamente nicht erreichbar, Stromausfälle dauern bis zu 18 Stunden, manche Regionen bekommen nur alle 30 Tage Wasser. Bis August 2026 brach das Stromnetz sechsmal landesweit zusammen.
  6. Die Familie. Western Union schloss im November 2020 seine 407 Stellen in Kuba, nachdem die US-Regierung Geschäfte mit Fincimex untersagt hatte, einem Partner aus dem militärisch geführten Konzern GAESA; die kubanische Regierung lehnte einen Dienstleister ohne Militärbezug ab. Nach rund zwei Jahren Pause nahm es die Überweisungen wieder auf; im Februar 2025 stellte es sie erneut ein. Die Bevölkerung sank nach der Statistikbehörde auf 9,4 Millionen Ende 2025, durch Abwanderung allein um rund 245.000 in einem Jahr.

Die Skizze mit allen Stationen und Belegen steht im Erklärstück „Ökosystem einer Blockade“. Wie sich das in einzelnen Lebensbereichen zeigt, von Medizin über Wasser bis Migration, zeigen die zwölf Themenblätter.

Wen sie trifft

Am härtesten trifft es Menschen im Zielland, die nichts entschieden haben. Human Rights Watch dokumentierte 2019 für Iran, dass Banken und Firmen selbst erlaubte Lieferungen mieden. Im Durchschnitt vieler Länder senken Sanktionen der Vereinten Nationen die Lebenserwartung deutlich stärker als Sanktionen der USA, und Frauen sind stärker betroffen.

Getroffen werden auch Firmen in Drittstaaten und im Land, das sanktioniert. In der Umfrage „Going International 2026“ der DIHK meldeten 69 Prozent von 2.400 Auslandsfirmen mehr Handelshemmnisse; von denen mit Hemmnissen jenseits der Zölle nannten 30 Prozent Sanktionen. Nach 2014 verlor Russland bis Ende 2015 rund 53 Milliarden US-Dollar an erwarteten Exporten, die sanktionierenden Länder rund 42 Milliarden, zum größten Teil bei Waren, die gar nicht verboten waren. Die Autoren nennen das „friendly fire“: Firmen und Banken meiden ein Land ganz, sobald das Risiko steigt. Was das für Haushalte, kleine und große Firmen in Deutschland heißt, steht im Kapitel „Was eine Blockade für Haushalte, kleine und große Firmen bedeutet“.

Was sie kostet

Die Forschung ist sich in der Richtung einig, nicht in jeder Zahl. Neuenkirch und Neumeier finden für 160 Staaten von 1976 bis 2012: Sanktionen der Vereinten Nationen senken das jährliche Wachstum des Einkommens je Einwohner um mehr als 2 Prozentpunkte, etwa zehn Jahre lang, zusammen um 25,5 Prozent; Sanktionen der USA um 0,75 bis 1 Prozentpunkte jährlich, über sieben Jahre zusammen 13,4 Prozent. Ein Überblick über 31 quantitative Studien findet in 30 negative Folgen. Vorsicht gilt bei Einzelzahlen: Eine 1999 veröffentlichte Erhebung zur Kindersterblichkeit im Irak unter UN-Sanktionen gilt heute als manipuliert.

Bei Kuba beziffert die Regierung den Schaden des Embargos vor den Vereinten Nationen auf 147 bis 164 Milliarden US-Dollar. Das Arbeitspapier „Die Kosten des Embargos und die Disziplin der Zahl“ hält diese Summe für methodisch zu hoch und fragt stattdessen nach der Differenz: Was verschwände ohne Embargo, und was bliebe? Für Deutschland gilt: Der direkte Handel mit sanktionierten Ländern ist messbar und gesamtwirtschaftlich klein, die Energiepreise sind groß, aber Folge von Krieg, russischem Lieferstopp und EU-Embargos zugleich, und die Vorsicht der Banken misst niemand. Wer eine einzige Prozentzahl nennt, sollte seine Annahmen offenlegen. Die Rechnung im Einzelnen steht in „Fall Deutschland“, den Blick auf die Welt öffnet „Wirtschaftsraum gegen Wirtschaftsraum“.

Was im Land selbst hinzukommt

Nicht jeder Mangel ist eine Folge von außen. In Kuba wertete die Währungsreform „Tarea Ordenamiento“ 2021 den Peso drastisch ab und löste eine schwere Inflation aus; Kritiker verweisen auf jahrzehntelange Unterinvestition im Energiesektor; Freedom House gibt dem Internet in Kuba 19 von 100 Punkten und beschreibt staatliche Zensur. Amnesty International nannte die Freilassungen des Jahres 2025 selektiv, Prisoners Defenders zählte im September 2026 1.351 politische Gefangene. Auch die UN-Sonderberichterstatterin, die das Ende der US-Sanktionen fordert, hält fest, dass die Hauptverantwortung für die Menschenrechte bei Kuba liegt. Das US-Embargo und das Versagen der kubanischen Führung sind zwei Ursachen mit verschiedener Herkunft. Wer nur eine nennt, erklärt die Lage zur Hälfte. Für Venezuela ist ähnlich umstritten, ob die US-Sanktionen ab 2017 oder die vorher eingebrochene Ölwirtschaft den größeren Teil der Not erklären.

Was die Zahlen nicht sagen

  • Viele Zahlen zu Kuba stammen aus Informationen, die der Sonderberichterstatterin vorgelegt wurden, nicht aus eigener Messung.
  • Abgelehnte oder verzögerte erlaubte Zahlungen zählt keine Behörde.
  • Studien zeigen Durchschnitte vieler Länder; ein einzelnes Land kann besser oder schlechter fahren.

Dieser Leitartikel ist eine Information und keine Rechtsberatung. Er gibt die Sicht der Redaktion wieder und stützt sich auf die genannten Quellen und die verlinkten Bausteine. „Helfen statt Blockieren“ ist überparteilich.

Quellen

Alle Online-Quellen abgerufen am 3. November 2026.

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