Helfen statt Blockieren

Artikel, Literaturbericht

564.000 Tote im Jahr? Wie man eine Zahl liest, die überall zitiert wird

· Redaktion Helfen statt Blockieren

Kaum eine Zahl prägt die Debatte über Sanktionen so stark wie diese: Mehr als eine halbe Million Menschen sterben jedes Jahr an ihren Folgen. Sie stammt aus einer begutachteten Studie. Eine andere Studie kommt bei einer wichtigen Frage zum umgekehrten Ergebnis, und der Fall Irak zeigt, wie leicht sich Todeszahlen verbiegen lassen. Dieser Bericht stellt beide Lager nebeneinander.

564.258zusätzliche Todesfälle je Jahr im Zusammenhang mit einseitigen Sanktionen, 2012 bis 2021, SchätzungLancet Global Health, 2025
51 %der Sanktionen zugerechneten Toten waren Kinder unter fünf JahrenLancet Global Health, 2025
0 von 14Schätzwerten für UN-Sanktionen statistisch belegtLancet Global Health, 2025
1,2 bis 1,4Jahre weniger Lebenserwartung je Episode von UN-SanktionenCESifo WP 8033, 2019

Was gemessen wird

Niemand kann einen Todesfall direkt einer Sanktion zuschreiben. Die Forschung vergleicht deshalb viele Länder über viele Jahre: Wie entwickelt sich die Sterblichkeit oder die Lebenserwartung in Ländern unter Sanktionen, verglichen mit ähnlichen Ländern ohne Sanktionen und mit den Jahren davor? Das Ergebnis ist eine Schätzung, kein Zählergebnis. Sie hängt davon ab, welche Länder und Jahre einbezogen werden, wie eine Sanktion gezählt wird und welche anderen Einflüsse, etwa Krieg, Ölpreis oder Regierungsführung, herausgerechnet werden. Diesen Vorbehalt nennen alle hier besprochenen Autoren selbst.

Die Studie von 2025: über eine halbe Million im Jahr

Francisco Rodríguez, Silvio Rendón und Mark Weisbrot haben im August 2025 in The Lancet Global Health (Band 13, Heft 8, Seiten e1358 bis e1366) Daten aus 152 Ländern von 1971 bis 2021 ausgewertet. Für einseitige Sanktionen schätzen sie für 2012 bis 2021 im Mittel 564.258 zusätzliche Todesfälle je Jahr; der 95-Prozent-Vertrauensbereich reicht von 367.838 bis 760.677. Am stärksten trifft es nach ihren Ergebnissen Kinder unter fünf Jahren: Auf sie entfallen 51 Prozent der zugerechneten Toten (diese Aufteilung, den Zeitraum 2012 bis 2021 und die 0 von 14 Schätzwerten haben wir aus dem Volltext übernommen, nicht am Abstract geprüft); auch Menschen zwischen 60 und 80 Jahren sind betroffen. Die stärksten Zusammenhänge finden sie für einseitige, wirtschaftliche und US-Sanktionen.

Für UN-Sanktionen ist keiner der 14 Schätzwerte statistisch signifikant, sechs haben sogar ein negatives Vorzeichen. Die Autoren betonen, dass ihre Daten einen spürbaren Schaden durch UN-Sanktionen nicht ausschließen. Als Grenzen nennen sie selbst: Es handelt sich um Beobachtungsdaten; unbeobachtete Einflüsse können die Schätzung verzerren; die Verfahren beruhen auf Annahmen, die sich nicht beweisen lassen; Länder können schon vor dem Inkrafttreten reagieren; und frühere Sanktionen gleichen den heutigen nicht unbedingt.

Zur Einordnung gehören Finanzierung und Erklärungen. Die Studie wurde vom Center for Economic and Policy Research in Washington gefördert, das nach Angabe der Autoren keinen direkten Einfluss auf Text und Einreichung hatte. Ein Autor legt eine Tätigkeit als Gutachter in Verfahren zu Venezuela offen. Das macht die Studie nicht falsch; es gehört aber zu dem, was ein Leser wissen sollte.

Widerspruch kam in derselben Zeitschrift. Reza Majdzadeh von der Universität Essex schrieb 2026 in einem Leserbrief, die Lebenserwartung in Iran zeige trotz langer Sanktionen keinen klaren Bruch im Takt der Sanktionen. Er hält die Lebenserwartung für ein spätes Signal und rät, frühere Anzeichen zu beobachten, etwa ob Medikamente verfügbar sind und Behandlungen fortgesetzt werden können. Sein Einwand richtet sich gegen große, sofortige Effekte auf Landesebene, nicht gegen die Annahme, dass Sanktionen der Gesundheit schaden.

Die Studie von 2019: UN-Sanktionen am stärksten

Jerg Gutmann, Matthias Neuenkirch und Florian Neumeier haben im Dezember 2019 als CESifo Working Paper 8033 und 2021 im Journal of Development Studies (Band 57, Seiten 139 bis 162) 98 Entwicklungs- und Schwellenländer von 1977 bis 2012 untersucht. Ihr Ergebnis: Eine durchschnittliche Episode von UN-Sanktionen geht mit 1,2 bis 1,4 Jahren weniger Lebenserwartung einher, eine Episode von US-Sanktionen mit 0,4 bis 0,5 Jahren. Frauen sind stärker betroffen als Männer; Sanktionen seien nicht „geschlechtsblind“.

Verlust an Lebenserwartung je Sanktionsepisode

Gutmann, Neuenkirch, Neumeier: 98 Länder, 1977 bis 2012. Balken: Spanne der Schätzungen in Jahren.

00,511,5UN-SanktionenUS-Sanktionen
SenderVerlust an Lebenserwartung
UN-Sanktionen1,2 bis 1,4 Jahre
US-Sanktionen0,4 bis 0,5 Jahre

Quelle: CESifo Working Paper 8033, Dezember 2019, Zusammenfassung; abgerufen am 3.11.2026.

Der Widerspruch, offen benannt

Die beiden großen Studien widersprechen sich in einem Punkt, der für die politische Debatte zentral ist. Die Lancet-Studie findet für UN-Sanktionen keinen belegten Effekt auf die Sterblichkeit, die CESifo-Studie findet für UN-Sanktionen den größten Verlust an Lebenserwartung. Mögliche Gründe liegen auf der Hand: andere Messgrößen, andere Zeiträume, andere Länder, andere Verfahren. Welcher Grund den Ausschlag gibt, lässt sich aus den Veröffentlichungen nicht entscheiden. Wer mit der einen Studie argumentiert, sollte die andere erwähnen. Das gilt für Kritiker, die UN-Sanktionen als harmloser darstellen, ebenso wie für Befürworter, die einseitige Sanktionen für gezielter halten.

Drei Studien im Vergleich
StudieDatenBefundGrenzen nach eigener AngabeFinanzierung, Erklärungen
Rodríguez, Rendón, Weisbrot, Lancet Global Health 2025152 Länder, 1971 bis 2021, Sterblichkeit nach Altereinseitige Sanktionen: rund 564.000 zusätzliche Tote je Jahr (2012 bis 2021); UN-Sanktionen: kein belegter EffektBeobachtungsdaten, mögliche unbeobachtete Einflüsse, Annahmen der Schätzverfahren, Vorwegnahme vor dem Inkrafttretengefördert vom Center for Economic and Policy Research; ein Autor nennt Gutachtertätigkeit in Verfahren zu Venezuela
Gutmann, Neuenkirch, Neumeier, CESifo 2019, J. Dev. Studies 202198 Länder, 1977 bis 2012, LebenserwartungUN-Sanktionen: 1,2 bis 1,4 Jahre weniger; US-Sanktionen: 0,4 bis 0,5 Jahre; Frauen stärker betroffenälterer Zeitraum, andere MessgrößeUniversitäten Hamburg und Trier, ifo Institut
Dyson, Cetorelli, BMJ Global Health 2017alle Erhebungen zur Kindersterblichkeit im Irak ab 2003Umfrage von 1999 zeigte einen Anstieg, den es weitgehend nicht gab; Daten nach Einschätzung der Autoren manipuliertRückschau auf Erhebungen, kein Modell der SanktionswirkungLondon School of Economics

Zusammenstellung: Helfen statt Blockieren aus den Studien und Verlagsangaben, abgerufen am 3.11.2026.

Die Lehre aus dem Irak

Für den Irak der 1990er Jahre galt lange eine Zahl als gesichert. Eine Umfrage von 1999 meldete, die Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren sei von 56 je 1.000 Geburten (1984 bis 1989) auf 131 je 1.000 (1994 bis 1999) gestiegen. Die Exekutivdirektorin von UNICEF schloss daraus, ohne den Anstieg wären von 1991 bis 1998 rund 500.000 Kinder weniger gestorben. Die Zahl wurde weltweit zitiert.

Tim Dyson und Valeria Cetorelli von der London School of Economics haben 2017 alle späteren Erhebungen ausgewertet. Diese zeigen für 1995 bis 2000 eine Kindersterblichkeit von etwa 40 je 1.000 und keinen außergewöhnlichen Anstieg nach 1990, höchstens einen leichten um 1991. Dyson nannte die Ergebnisse von 1999 für den Zentral- und Südirak eine Täuschung („a deception“); die Autoren halten die Daten für manipuliert, möglicherweise unter dem Druck der Regierung, die ein Ende der Sanktionen wollte. Die Politikwissenschaftlerin Maria J. Debre beschreibt den Fall 2025 als Beispiel dafür, wie Regierungen die Erzählung über Sanktionen steuern.

Daraus folgt nicht, dass die Sanktionen gegen den Irak harmlos waren. Es folgt, dass eine Zahl nur so gut ist wie die Daten darunter, und dass Regierungen unter Sanktionen ein Interesse an hohen Zahlen haben können, so wie Sanktionsgeber ein Interesse an niedrigen.

Und Kuba?

Aus diesen Studien lässt sich keine Zahl für Kuba ablesen; sie rechnen über viele Länder. Belegt ist, dass in Kuba Medikamente fehlen: Nach Human Rights Watch sagte der Gesundheitsminister 2025, nur 30 Prozent der wichtigsten Medikamente seien verfügbar. Für den Mangel gibt es zwei Erklärungen, die beide belegt sind: das US-Embargo, das Einkauf, Zahlung und Transport erschwert, und Entscheidungen der kubanischen Führung, unter der Prisoners Defenders zugleich im September 2026 1.351 politische Gefangene zählte. Beide Hälften stehen in „Kuba: Menschenrechte und politische Gefangene“ und im Themenblatt Medizin.

Die wirtschaftlichen Kosten von Sanktionen für Länder des Globalen Südens behandelt der Artikel „Kosten im Globalen Süden“; ob Sanktionen ihre politischen Ziele erreichen, steht in „Wirken Sanktionen?“.

Dieser Artikel ist eine Information und keine Rechtsberatung. Er stützt sich auf die genannten Quellen; wo Fachleute streiten, nennt er die Positionen mit ihren Trägern. „Helfen statt Blockieren“ ist überparteilich.

Quellen

Alle Online-Quellen abgerufen am 3. November 2026.

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